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Montag, 27. März 2017

Kötzting vor 400 Jahren

Bemerkenswertes aus Kötzting von 1616 und 1617

Einmal etwas ganz anderes, Akten zum Mitlesen........

Zuerst aber einen kurzen Bericht über die diesjährige "Archivforschungssaison"
Meine Besuche in den überregionalen großen Archiven konzentrieren sich auf die Wintermonate, weil ich in diesen in meinem Hauptberuf schlichtweg Winterpause habe.
Es passt ganz gut, dass heuer, seit dem 1.1.2017, die bayerischen Staatsarchive ein Jahr lang einen Versuch durchziehen und die Benutzer selber fotografieren lassen bzw. für einen eher symbolischen Preis einen Großscanner benutzen lassen.

Das Staatsarchiv Landshut nun lässt fotografieren, allerdings:
ohne Stativ --- schade
ohne Blitz ---- versteht sich von selbst
nur an einer bestimmten Stelle im Lesesaal ----- leider nicht die hellste Stelle
keine Pläne ---- schade
kein Material, welches jünger als von 1917 ist ---- versteht sich auch von selbst (Datenschutz).

Also: ran an den Speck. In diesem Jahr war ich nun bereits zehn mal in Landshut und die Summe meiner Bilder reicht langsam an die 3500 Stück heran. (Stand 24.3.2017)
Besonders interessant sind hier die alten Verlassenschaftsakten

aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Menschen die so 1850 verstorben sind reichen mit ihren Wurzeln - und in den Akten geht es ja um die Verwandtschaft dieser Menschen - bis weit in das 18. Jahrhundert zurück. Bei manchen Verstorbenen wird ein Verzeichnis des Besitzes aufgenommen, ein sogenanntes Inventarium. Solch ein Inventarium von Kötztinger Bürgersfamilien (natürlich sind im Bereich des Amtsgerichtes  Kötzting auch alle umliegenden Orte mit dabei),  gibt einen intimen Einblick in die Lebensumwelt der damaligen Zeit.

Sogar Kleinigkeiten über Pfingsten finden sich dazwischen:
Vor den Mallersdorfer Schwestern und sogar noch vor Familie Leszkier war es die Frau des Uhrmachers Lommer (wohnte im Dirnberger Haus), die das "Pfingstkranzl" anfertigte. Am Ende ihres Lebens wohnte sie im Spital und als sie verstarb besaß sie nur noch ein paar wenige armselige Kleider und ihr Bett. Ihre in Regen wohnende Tochter bat den Magistrat Kötzting um dieses und bot an dafür in den nächsten Jahren dieses "Pfingstkranzl" kostenlos anzufertigen.... allerdings vergeblich, denn nach der Satzung des Kötztinger Spitals gehörten sämtliche Habgüter eines Pfründtners (=Spitalbewohners) nach seinem Tode dem Spital.

StA Landshut Rep 166N-12 Schachtel 17 Lommer Katharina Verlassenschaftsakt
"dass die bezüglich des von derselben hinterlassenen Bettes bereits an den
Magistrat Kötzting mit der Bitte ihr dasselbe abzulassen sich gewandt habe, da sie
hieführ demselben das sog. Pfingstkränzchen in kommenden Jahren unentgeltlich
anzufertigen sich verpflichte"!
 anderes Beispiel: der Anfang des Inventariums des Kamminger Schmiedes Kauer

StALA Rep 166-N Schachtel 17 Kauer Georg Schmied von Kammern
Verlassenschaftsakt, hier das Inventarium

Ich habe diese (Kopier-) Gelegenheit genutzt und beginne noch einmal die alten Rechnungsreihen des Kötztinger Kastenamtes und des Pfleggerichtes ausheben zu lassen. Diese Reihen beginnen mit wenigen Einzelbänden im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts und setzen dann fast als lückenlose Reihe um 1590 ein.
Diese Buchreihe habe ich schon mal vor vielen Jahren in Hinblick auf Kötztinger Bürger durchgesehen und nun bietet sich die Gelegenheit noch etwas tiefer einzusteigen und das Material digital für unser Stadtarchiv zu sichern.
Es gibt einen Doppelband 1616 und 1617 vom Pfleggericht und vom Kastenamt. Anders als in anderen Landgerichten gab es im LG Kötzting Gebiete, welche dem Kastenamt Untertan waren und solche deren Bewohner vom Pfleggericht geführt: also auch bei Strafverfahren verurteilt wurden.
Kötzting hatte damals sowohl einen Kastenamtsrichter wie auch einen Pfleger. Der Kastenamtsrichter durfte - übrigens ebenso wie der damalige Kötztinger Kammerer) kleinere Vergehen selber aburteilen. Für die "schwereren" Verbrechen war dann aber (auch hier wie bei den Kötztinger Marktbewohnern und den Bewohnern der umliegenden adeligen Hofmarken) ausschließlich der Landrichter zuständig.
Aus diesem Grunde gibt es in den Pfleggerichtsrechnungen auch die Rubrik:

Ausgaben für die/den Malefikanten (Bösewichte)

Diese "Bösewichte" waren in Kötzting im Amtshaus eingekerkert (das Kötztinger Amtshaus = Gefängnis und Wohnung des Eisenamtmannes stand am Ende der Schirnstrasse...Schirn = Schergen) und wurden für die verschiedensten Amtshandlungen dann vom Amtmann ins Pflegerschloss gebracht. Diese Einkerkerung und das "Vorführen" zusammen mit der dann erfolgenden öffentlichen Bestrafung waren sicherlich in Kötzting Marktgespräch und - so hart es auch klingt - willkommener Unterhaltungsanlass im harten Alltag. Wenn ich dran denke wie neugierig und dann doch teilnahmslos wir Kinder der Metzstraße (und wir waren in den 50er Jahren viele Kinder in der Metzstraße) die Bewohner des Armenhauses hinten in der Brandstraße beäugt haben, dann kann ich mir gut vorstellen wie es den Bewohnern des Gefängnisses, gleich um die Ecke ergangen ist.
Ich möchte hier mal solch einen Jahresverlauf vorstellen:

Was hier so berichtet wird steht heutzutage im Polizeibericht:
Also Wirtshausraufereien, Nachbarschaftsstreit, Schlägereien beim Nachhause Gehen, Beleidigungen und dann ist da auch noch der "Blutbann", also die Hohe Gerichtsbarkeit, die der Landrichter innehatte und die dann auch manchmal auf dem Galgenberg - nun Ludwigsberg - zu Hinrichtungen führte. Auch das sicherlich ein Spektakel für die gesamte Bevölkerung.

Hört man das Wort Rechnungsbuch, so denkt man heutzutage an Tabellen der Buchführung. Damals aber war es ganz anders. Die Pfleggerichtsrechnung von 1616/17 liest sich wie heutzutage die Bildzeitung oder die "Yellow" Press. Auch wenn die Bevölkerung solch ein Rechnungsbuch nicht zu Gesicht bekommen hat und lesen konnte - es war für die Regierung in Straubing bestimmt -  so bekommt der Leser heutzutage ein lebhaftes Bild davon, wie es in Kötzting und Umgebung "kriminaltechnisch" so zugegangen ist.

Es soll ja Manchem auch Spaß machen "manchmal" etwas mitzulesen und so lege ich nun ein paar - eigentlich ziemlich viele - Ausschnitte aus dem Buch vor, in Wirklichkeit sind da noch viel, viel mehr enthalten, und übertrage die handschriftlichen Texte einzeln in Druckschrift, vlt macht es ja dem Einen oder Anderen ja Spaß genauer nachzulesen und vielleicht sogar einmal die alte Handschrift zu lernen. Genau so habe auch ich angefangen, mit dem Buch "Kötzting 1085-1985" in dem viele Dokumente aus Kötztings Geschichte abgebildet UND transkribiert waren.

Hier nun ein paar Beispiele was in Kötzting 1616/17 so Alles los war:


Staatsarchiv Landshut Rentkastenamt Straubing R 2333 Pfleggerichtsrechnung von 1616
Titelblatt: Ambts und Zol: Rechnung des hl: Landtgerichts Khözting vom Jar 1616
(hl: heißt hier nicht heilig sondern herzoglich, erst nach 1621 wurde der bayerische Herzog Kurfürst nachdem er ua. die Oberpfalz eroberte und damit die Kurwürde erhielt.)

Dies ist die Titelseite und danach geht's gleich los mit den kleineren Vergehen, hier eine kleine Auswahl der unterschiedlichsten Vergehen :
Maulstraich


Georg Schwarz noch ledtiges Standts
hatt Wolffen Schmitterer von Zelten
dorff auf dem TannzPoden mit der





                  Faußt inß Angesicht geschlagen dero
wegen er gestraft umb 4ßd (04 Schilling Pfennige9



Es geht munter weiter mit einer Schlägerei: Khandlwurf und zuegefiegter Plutrunstige Schäden




Hannß Maimer von Perndorff hat bej Andres Söldner zu Khözting selligen auf Andres Poxhorns zu





gedachtem Perndorf Hausfrau an ainem Kirchtag mit einer Khopffkhandten vol Pier geworffen aber nit getroffen, darauf Ir man von der Gassen hinein geloffen, die wöhr entplesst und ihme Maimer im Khopff einen Pluetrunstigen schaden zuegefiegt, auch in der rechten Hanndt, die Flax verletz, derowegen mit Abschied erkennt, dass gedachter Maimer wegen gethanen Khandlwurffs Straff sollte erlegen 1 fl 3 ßd, Nitweniger die Khandl bezahlen, Poxhorn aber für solliche seine ihm Maimer zuegefuegte Schädten 6 fl verreichen, den Pader abrichten und auch Straff bezahlen 1 Pfund Pfennig, also thun beede Straffs 4 fl 2 ß


Man unterschied damals ganz streng zwischen "blutigen" und "unblutigen" Schlägen
Nun kommen die "unblutigen"


Zuegefiegte truckhene Straich






geschehen in Gaishof, verhandelt in Kötzting
Leonhardt Schindterweckens vom Gaishof rdo(=reverendo = mit Verlaub, man spricht oder schreibt nicht von stinkenden Schweinen in einem Schreiben an die Obrigkeit ohne sich vorher über die Wortwahl zu entschuldigen) zehn Schweinen sein Albrechten Poindl alda in sein Wiss khomen und im darinnen mit willen grossen Schaden gethan. Als nun die sein Sohn alweckh Treiben und Pfendten wellen, Ist erstlich gedachtes Schindterweckens Sohn einer mit einer Hackhen volgentes er Vatter selber noch St dritter auf daß Wißmaidt mit Riedthauen, Steckhen , Drembel und anderen Waffen khommen und Ime Albrechten Poidl und Sohn damit etliche druckhene Straich zuegefiegt. Derowegen gedachter Schinderweckh und dessen mit Helffer neben aufgetrageenen Gerichtsunkosten gewandelt 1 fl 3 ßd


Nun wird's laut auf den Straßen Kötztings:  und es wird wieder blutig:
Pluetrunsstige Schäden



Michael Schechtl Mezger zu Eschlkamb und Hannß Hörmann am Wäzlhof haben bey der nacht im Marckht Khözting auf freyer gassen ein Rumorßhandlung gehebt. Im sollichen gedachter Mezger Ime Hörman die Haudt vorm Hiern, und die Nassn geschafft sich gleichwol selbsten hernach miteinander verglichen. daß er Ime für soliche Schäden 4 fl verraicht, den Pader, Gerichts und Uncosten, neben der Straff außricht, Welche ihme dan in ansehung seiner Armuth neben außgestandtner Fenkhnus benennt worden  auf 5fl 3 ßd

Schechtl mußte also in Kötztings im Amtshaus einsitzen



Hochzeiten sind immer wieder mal ein Anlass für Stress unter den Beteiligten:
Wöhrentplessung, (vermutlich hat er ein langes Messer, oder aber einen Degen/Säbel) dabei gehabt und gezogen)




Thomas Gemainer auf der Kieslau obgedachtes Gerichts Viechtach hatt an ainer alhir im Marckht gehaltenen Hochzeit auf dem Tanzpoden die wöhr entplest und einen Polder




Handl angefangen, als er aber durch die Ämbtsleuth (=Polizei heutzutage) deswegg für Obrigkeit wöllen gebracht werden ist sollicher denselben entwischt und zu dem Thor ausgeloffen, derentwegen seiner Obrigkeit umb Verschaffung geschrieben und gestrafft worden per 1 fl 3 ßd
Er ist ihnen also entwischt, aber von seinem Gericht in Viechtach wurde er dann doch noch bestraft.

Und nun wird's wieder laut im Markt Kötzting, der Pölsterl wohnt, so weit ich weiß, im unteren Markt, im Kellner Haus, dem damaligen oberen Bad, er war aber kein Bader sondern ein Schreiner, es geht um Injurij, also um eine Beleidigung.



 Albrecht Reßl Inwohner zu Khözting und sein Weib, und Dochter, auch Georg Pelsterl und sein Weib, haben am H: Osterabennt einen Unwillen





gehebt aines das andere redo(=reverendo wie vorher) ein Schelmb, dieb, Huer und Unhulden gehaissen, die weiber anein annder geraufft und letzlichen ermelter Pölsterl einen Schargen genommen, gedachte Resslin übern Khopf geschlagen, daß sie gleich zu Poden gefallen und am liegen ir noch dazue einen Straich ubern Puckhl zuegefuegt. Derowegen Ich sy alle in Fenkhnuß gelegt und darinnen 8 tage lang einthalten worden. Inn solicher Zeit sie sich aber selbsten darinnen miteinander verglichen daß ermelter Pölsterl Ir Rösslin für solliche zuegefuegte Straich Innerhalb 14 Tagen 1 fl 30 xr bezalt und auferlassung dass aines vonn dem andern nichts allß nur liebs und guets

(Acht Tage in einem feuchten stinkenden Loch wirken Wunder, da versöhnt man sich gerne)


wissen, und waß etwan fürybrgangen dises alles im Zorn geschehen und ains dem andern verzichen und vergeben haben wöllen in Ansehung Irer Unvermögenheit also mit Fenkhnus, an gelt abe4r gewandelt worden NIHIL (=nichts)

Und am Ende des ersten Teils  noch ein Kuriosum: die Gaben Gottes in das Khott geschlagen



Hans Frumb ain Dienstknecht von Gestorff hat in ainer gehaltenen Hochzeit vol doller weiß ainen jungen Khnaben Oswald Hefftl ain liebseliges Prott und Fleisch ohne Ursach von dem Maul und aus der Handt in das Khott geschlagen und noch dazue abpleuen wellen, Derentwegen umb sollichen frävel 2 Tag in Fenkhnus enthaldten an Geld aber gewandelt NIHIL

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt an den Allerweltsverhandlungen, die im Pfleggericht angefallen waren.
Es gibt aber auch noch einen anderen, viel ernsteren Teil im Rechnungsbuch und das betrifft dier sogenannten MALEFIKANTEN, also die echten Bösewichter.
In dem Jahr 1616/17 gab es in Kötzting zwei Landesverweisungen und zwei Hinrichtungen, diese Verhandlungen - Verhaftungen - Schriftwechsel - Verhöre - Folterungen und schließlich Hinrichtungen mit dem Schwert und dem Strick werde ich in einem der nächsten Blogs berichten.

Hier der Anfang über die "Schweren Jungs", also die Einleitung eines vielseitigen Berichts über die Verhandlung und die Hinrichtung:


Ausgab auf die Gefangen
Malefiz Personen

Erste

Demnach sich im Marckht Khözting ein verdechtige und beschraidte ManßPersohn Michael Aigner ein Inwohner zu Arain Viechtacher Landtgerichts sonsten ins Gemain Dierckh genannt befundten, ist er durch die Landgerichts Ambtsleith alhir zuverhafft gebracht, auch auf beschechens berichten Sub dato den 7. January diß Jars sollicher der bevelch ervolgt das ich Ime Aigner ainen Strengen Malefizrechtstag (=Hinrichtung) ansezen und ergehen lassen solle. Waß Strengen Malefiz rechtens Recht ist. Welchen ich gehorsamblichen gelebt zugestaldten er dann Pfinztag den 28. diss mit dem Schwerdt vom leben zum Todt gericht worden

Ich denke, dass an den angekündigten Hinrichtungstagen nicht  nur die Erwachsenen Kötzting auf den Beinen waren, sondern - zumindest bei der bewachten Hinausführung des Verbrechers auf den Galgenberg/Ludwigsberg - auch die Kinder Kötztings neugierig den schauerlichen Zug begleiteteten, ebenso, wie wir in unserer Kindheit öffentliche "Ereignisse" neugierig aber begeistert begleitet hatte. Als Beispiel können hier ein paar Aufnahmen von Pfingstumzügen aus von 1959 dienen. Diese Auswahl, die nichts mit den üblichen "Standartpfingstmotiven" zu tun hat, verdanke ich Frau Kretschmer, die sich in Ihrem eigenen Archiv erfolgreich auf die Suche nach "mitlaufenden Kindern" gemacht hat.
Bei den Bildern geht es mir weniger um die (bekannten) Pfingstakteure sondern um die mitlaufenden, neugierigen Kinder am Rande





so könnten die Kinder Kötztings vor 400 Jahren auch vor dem Amtshaus gestanden haben, wenn der Verurteilte seinen letzten Gang anzutreten hatte. Die Rechte an diesen Bildern liegen beim Archiv Kretschmer





So, das war jetzt harte Kost,  Als nächstes aber gibt es wieder mal Bilder - Luftaufnahmen und/oder Aquarelle

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