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Samstag, 26. Dezember 2015

Kötzting im Jahre 1906

Diesmal gleich am Anfang - die Endnoten werden gerne übersehen - vielen Dank an Frau Rabl-Dachs und Frau Kretschmer, die viele der Bilder beigesteuert haben. Die Zeitungsausschnitte stammen aus dem Kötztinger Anzeiger von 1906: Also viel Spaß mit dem Eintrag des Neuen Jahres:

Kötzting vor 110 Jahren[1]

 1906


der kgl Bezirksamtmann von Fuchs - heutzutage der Landrat -
als Vertreter der Regierung in München. Von ihm hatten wir
vor der Auffindung des Turnerbildes kein Abbild.
Am 1. Januar 1906 feierte das Königreich Bayern seinen hundertsten Geburtstag. Am 26. Dezember 1805 hatte Napoleon I. zu Pressburg mit Österreich Frieden geschlossen und dadurch hatte Bayern gegen Abtretung des Fürstentums Würzburg die Grafschaften Burgau, Hohenems, Königsegg und die Grafschaft Tirol mit den Bistümern Brixen, Trient und ferner Vorarlberg erhalten. Am 1. Januar dann setzte sich der Kurfürst Maximilian Josef die Königskrone aufs Haupt. Noch im selben Jahr erhielt Bayern durch die Rheinbundakte Ansbach, Nürnberg und die Souveränität über viele Gebiete in Schwaben und Franken hinzu. Auch wenn 1814 Bayern einige Anteile wieder an Österreich abgeben musste, so hatte es sich doch bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts auf mehr als 3,30 Millionen Einwohner vergrößert. In der landwirtschaftlichen Winterschule  in der Bahnhofstraße wurde dieses Jubiläum in Anwesenheit des H.H. Bezirksamtmannes von Fuchs feierlich begangen.


Vor 110 Jahren erwarb die Familie Gartner das Anwesen des Karl Ponschab und warb seitdem regelmäßig in ganzseitigen Anzeigen:


100 Jahre Kaufhaus Gartner Anzeige  im WInter 1906
Der Burschen=und=Wanderer=Verein Kötzting machte seinem Namen und seiner Vereinssatzung alle Ehre und rief seine Mitglieder laufend in die verschiedensten Wirtshäuser zur Kneipe













einer der Turnväter
Vor allem die Faschingsvorführungen des Turnvereins waren ein Augen und Ohrenschmaus. Der Konditor und Turnwart Klingseisen lies seine Mannen beim Mühlbauer Georg, also beim Dimpfl in der Metzstraße,  in schwarzen Trikots auftreten und mit Messingstäben turnen und Pyramiden aufbauen. Viele, viele Einlagen führt die Tageszeitung auf, den Höhepunkt bildete offensichtlich ein – heutzutage   unvorstellbarer - Auftritt eines:“Negergiggerls“ auf der Durchreise. 
 Mit Eintritt des wärmeren Wetters Anfang Mai wechselten die Turner dann vom Dimpflsaal in die Wiesen vor dem Dregerkeller um dort mit dem Sommerturnen zu beginnen. Vor diesem stellte Frau Dreger dem Verein einen Turnplatz zu Verfügung um, wie es der Turnverein formulierte: den Körper nach einseitiger Berufstätigkeit die geschmeidige Spannkraft zu erhalten. Daher erging der Aufruf an alle jungen Männer Kötztings an den Turnabenden teilzunehmen. 
der Dregerkeller

Eingang zum Dregerkeller
 Offensichtlich war die Vorstandsschaft mit der Beteiligung nicht ganz zufrieden, denn schon wenige Tage später folgt ein Aufruf um neue Mitglieder für den Turnverein zu rekrutieren, sie monieren, dass das Turnen einen solch geringen Stellenwert habe und wenn man nachfrage,  "so kommt gewöhnlichWas hilft mir das Turnen, ich bin so schon bei so vielen Vereinen!“ Es ist ja sehr schön, wenn der eine oder andere sich dem Gesange; oder sonst einem edlen Zwecke der verschiedenen Vereine widmet, doch Turnen sollte nie in den Hintergrund gestellt werden. Das Turnen stärkt nicht nur den Geist und Körper sondern gibt auch neue Arbeitslust.“
 
Wohl diesem Zwecke diente vermutlich auch das Prachtbild mit aufwändig geschnitztem Rahmen, das der Turnverein anfertigen ließ und welches am 4. April bereits bei Häfner in der Auslage zu bewundern war.
Dieses Bild übrigens fand sich auf dem Speicher im Rathaus, anlässlich einer Aufräumaktion, doch all das, was dort oben noch deponiert war, wird wohl Thema eines anderen Eintrags werden.
Bild der Kötztinger Turner mit einem prächtig geschnitzten Rahmen, vermutlich von der Kötztinger Schnitzschule. Die Personengruppen sind aufgeklebt und einige sind beschriftet, so dass wir einige Persönlichkeiten aus der Geschichte Kötztiings nun von Angesicht zu Angesicht sehen, die wir vorher nicht kannten.

 
Vereinszweck und Faschingsball vereinigten die Kötztinger Schützen der I. Zimmerstutzen=Schützen=Gesellschaft Kötzting  an einem einzigen Abend. Zuerst richteten sie ein Fastnachts- und Doppelhochzeitsschießen im Vereinslokal beim Stoiber (Heutzutage Grassl in der Marktstraße)  aus um sofort nach der Preisverleihung und der Überreichung der Diplome das Tanzbein zu schwingen. Auch das Endschießen zu Anfang Mai nutzen diese Schützen um, nach dem Schießen zuerst auf die Ehren- dann auf die Fest- und anschließend auf die Meisterscheibe und den dazugehörigen Preisverleihungen, sofort wieder einen Schützenball anschließen zu können und bis in die frühen Morgenstunden das Tanzbein zu schwingen.

Rep 164-8 Nr. 560 Staatsarchiv Landshut Schießanlage
beim Kollmeierkeller 1866 




In Kötzting gab es ja noch einen zweiten Schützenverein, die kgl. privilegierte Feuerschützengesellschaft, und auch diese lud zuu einem Festschießen ein. Dieser Verein schoss im Kollmeierkeller  – heutzutage Bärwurzerei Liebl -










eine tolle Zeichnung der Situation beim Kollmeierkeller mit Kegelbahn in der Jahnstraße


Der Frauenzweigverein des Roten Kreuzes legte gleich zu Jahresbeginn in seiner Ausschusssitzung Rechenschaft ab über die Aktivitäten des vergangenen Jahres und dort sticht vor allem die Unterstützung für kämpfenden Truppen in Deutsch Südwestafrika in Auge zu welchem Zweck auch wieder ein Festabend durchgeführt werden sollte. Auch die Verminderung der Kindersterblichkeit haben sie sich auf die Fahnen geschrieben und blickten insgesamt auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurück. Auch in diesem Jahr rückte wieder ein Kötztinger bis ins ferne Südwestafrika aus, diesmal war es der Chevauxleger Josef Dietl, Sohn des Bäckermeisters Franz Dietl, der zum Kampf gegen die Hereros fahren musste. Der zweite der Kötztinger Bürger. August Mayer mit Namen, kehrte noch in diesem Jahr, glücklich aber als Invalide,  aus Afrika zurück.



Anfang September bietet der Frauenverein beim Dimpfl einen kostenlosen Kochkurs für Mädchen an. Auch junge Hausfrauen aus Kötzting werden eingeladen und es wird angemerkt, dass auch das Kochen mit der Kochkiste vorgeführt wird. Wie ernst dieser Kochkurs von den Veranstaltern genommen wird, zeigt die Tatsache, dass es sogar zu einer Schlussprüfung kommt, die von der Frau des Bezirksamtmannes Frau Lina von Fuchs vorgenommen wird.,



Karl Lindner
Bei der Freiwilligen Feuerwehr drehte sich zu Jahresbeginn zuerst einmal die Welt um die neuen Uniformvorschriften.


KA vom 21.1.1906
 Als Beispiel für ein Kötztinger Who-is-Who mit Familiennamen, die man heute noch kennt, kann die Feuerpiquet Liste für den Monat Februar dienen, als Führer Karl Lindner, als Steiger Huber Xaver und Michael Irlbeck, als Spitzenmänner Costa Franz, Januel Leopold und Kolbeck Alois. Als Sanitäter war Hollmeier August eingeteilt.






In diesem Jahre wurden auch mehrere Vereine neu gegründet.  Zusätzlich zum schon lange existierenden katholischen Gesellenverein, der auch im Kötztinger Theaterleben (schon im Februar hatte sie ihre erste Vorstellung mit dem Volksstück D´Schatzgraber)  seinen festen Platz hatte,  wurde nun ein ebensolcher Männerverein in Kötzting gegründet. Ähnlich wie die Jungen, erwählten sich auch die Männer den JANUEL als Vereinsheim. Während bei den "Gesellen" der jeweilige 1. Kooperator als Präses fungierte war es bei den "Männern" der Pfarrer Elser selber, der zum 2. Vorstand gewählt worden war. Den Vorsitz übernahm der Distrikts Kassier Stauber.  Beide Gruppierungen sollten später in der Kolpingfamilie aufgehen.
der Vereinswirt
Während man von der „Männerabteilung“ im Rest des Jahres bis auf eine öffentliche Versammlung zumindest in der Zeitung nichts weiter vernehmen konnte, trafen und feierten die „Gesellen“ sich bei vielen Gelegenheiten und feierten und spielten. Anlässlich der Geburtstagsfeier des Kötztinger Bezirksinspektors (=Schulaufsicht) und Pfarrers Elser spielten die Gesellen Theater und, nachdem sich auch bei Ihnen sowohl eine Vereinskapelle und ein Gesangszirkel als Untergruppierung gefunden hatte, konnte der Gesellenverein solch eine Veranstaltung aus den eigenen Kräften heraus stemmen. Auch in die herbstlicheTheatersaison in Kötzting starteten als erstes die Gesellen mit dem „Charakterstück die Zwiederwurzn

Kaufmann Hans Kroher
Auch wenn die „Männer“ sich einmal monatlich trafen, so hatte es vor allem die Herbstversammlung in sich. Offensichtlich war der – nicht öffentlich ausgesprochene – Vereinszweck dann doch wohl eher ein politischer. Im Dimpflsaal trafen schließlich bei einer, wohl  Wahlkampfversammlung zu nennenden,  Redeschlacht die Reichs- und Landtagsabgeordneten auf. Interessant im Vergleich zur heutigen Zeit ist sicherlich, dass der damalige Reichstagsabgeordnete der Stadtpfarrer aus Zwiesel und zumindest einer der beiden  Landtagsabgeordneten ebenfalls ein Priester, nämlich Pfarrer Klimmer aus Böbrach war. Die Beweihräucherung der und durch die Abgeordneten war dann einigen Teilnehmern wohl doch zu viel und so blieb es dem Kötztinger Kaufmann Kroher als Anführer der „Gegner“ vorbehalten sich zu wehren, weil er in der Zeitung „Bayerisches Vaterland“ als "liberaler protestantischer Krämer“ beschimpft worden wäre und er dieses Blatt dem Zentrum zuordnen würde und wehrte sich gegen die Politik dieser Partei.



Schon eine Woche später, am 25. Januar folgte die nächste Vereinsgründung: der Bürger- und Bauernverein Kötzting und Umgebung bildete sich und lud alle Interessenten zur ersten Generalversammlung ein.

Das katholische Pfarramt Blaibach, in Person des dortigen Pfarrers Gruber, lud in das Haslsteinersche Wirtshaus nach Weissenregen ein, um dort die erste Generalversammlung des Vereins zur Errichtung einer selbstständigen Seelsorge in Weissenregen durchzuführen. Durchsetzen konnte dieser Verein seinen Vereinszweck allerdings nicht, wie wir ja inzwischen wissen wurde kurz danach die Weissenregener von der Pfarrei abgetrennt und zur Pfarrkirche Kötzting umgepfarrt. Bei dieser Versammlung, bei der übrigens auch der Kötztinger Pfarrer Elser anwesend war, erläuterte  der Vorsitzende Pfarrer Gruber seine Vision, dass es in zwei bis drei Jahren möglich sein sollte das in Weissenregen projektierte Klosterprojekt zu realisieren und somit die gewünschte Seelsorgestelle für Weissenregen zu erzielen (und damit den Verbleib bei Blaibach zu ermöglichen, sage ich mal…..)

25 jähriges Dienstjubiläum im Bezirk Kötzting. 

Der königliche Forstmeister Hubrich, später Ehrenbürger Kötztings, erhielt diese seltene Ehrung und „schon am Donnerstag den 1. März begaben sich die H.H. kgl. Beamten in corpore in das Bureau des Herrn Forstmeisters, das zu diesem Zwecke mit Blattpflanzen und Blumen geschmückt war, und brachten unter Überreichung eines Gegenbildes die Glückwünsche dem Herrn Jubilar. Herr kgl Bezirksamtmann v. Fuchs konnte zugleich ein Handschreiben Sr. Exzellenz des Herrn Regierungs=Präsidenten überreichen“.
























Auch die Kötztinger stimmten in diese Feier ein: „Am Samstag rückte die Feuerwehr mit Fackeln und die große Musik vor die Wohnung des Herrn Forstmeisters und brachte das Abendständchen. Am Sonntag den 4. vormittags weckten fröhliche Weisen den Jubilar. Der Vormittag brachte die Glückwünsche der Vertretung des Marktes und der Lehrerschaft. Erstere lud die Einwohnerschaft in die Saalräume des Gastwirts Mühlbauer(Dimpfl), woselbst der Festabend stattfand. Der Männergesangsverein hatte ein auserlesenes Programm zusammengestellt, das er seinem langjährigen verdienten Vorstande in mustergültiger Weise vorführte“. In seiner Dankesrede betonte der Jubilar die Harmonie zwischen Beamten und Bürgerschaft, „welche die beste Gewähr einer gesegneten Zukunft für Kötztings Wohl sei.“

 
Johann Hubrich inmitten seiner Stein- und Mineraliensammlung


 
Ein Obstbaukurs in Kötzting, noch fast 50 Jahre von der Gründung der Obst und Gartenbauvereine entfernt, stelle sich der landwirtschaftliche Bezirksausschuss der Aufgabe in der Kötztinger Winterschule einen Obstbaukurs anzubieten, welchen der Kreisobstbaulehrer Grill aus Deggendorf hielt. Interessant ist die Teilnehmerliste: 3 Geistliche, 3 Beamte, 6 Volksschullehrer, 5 Distriktswegmacher und 14 praktische Landwirte ließen sich durch Vorträge und praktische Übungen in die Obstbaumpflege – von der Qualitätsbeschreibung bis hin zu den Schneidemaßnahmen und Veredelungsmethoden einführen.






Abschaffung des zweiten Telefonhörers: 20. April

Ende April wird in Kötzting bekannt gegeben, dass der hiesige Raiffeisenverein im Hammeranwesen eine genossenschaftliche Molkerei einrichten möchte. Mit Beginn der Grünfütterung sollte dieses Unternehmen seinen Betrieb aufnehmen. Ende Juni eröffnete dann endlich diese neue Molkerei, diese Neuerung wurde offensichtlich von vielen Kötztinger Bürgern abgelehnt, die in dem genossenschaftlichen Betrieb für sich einfach keine Vorteile sahen.


Im Frühjahr 1906 blickten die Kötztinger neugierig nach Neukirchen. Am Freibach war im vorhergehenden Herbst eine Petroleumquelle entdeckt worden und nun, im Frühjahr, wurde  der königliche Oberbergrat von Amann aus München erwartet, um den Fundort zu begutachten. Dieser kam dann auch und meinte zweideutig, wenn es sich dabei nicht um einen künstlichen Zufluss handele dann sollte eigentlich eine rentable Petroleumquelle dahinter stecken. Der Bericht endet mit der hoffnungsvollen Aussicht: „ Freunde, denen das Wohl unseres Marktes am Herzen liegt, lassen in nächster Zeit Tiefgrabung vornehmen, um zu einem endgiltigen Resultate zu gelangen.“[2]




Anfang Mai 1906 schreckte die Nachricht die Kötztinger, dass der sehr beliebte und angesehene Altbürgermeister Michael Drunkenpolz nach langem und schweren, mit großer Geduld ertragenen  Leiden  im Alter von 71 Jahren verstorben war.
Mit dem Verblichenen ist einer unserer wackersten Männer des Marktes aus dem Leben geschieden“, meinte der Berichterstatter.
Nachdem Michael Drunkenpolz bereits lange Jahre im Gemeindekollegium zum Wohl Kötztings mitgearbeitet hatte, wurde er im Jahre 1893 zum Bürgermeister gewählt. „In bürgerlich schlichtem Sinne, doch streng und gerecht, waltete er hier seines verantwortungsvollen Amtes und war Jedem ein stets liebevoller, dienstgefälliger und zuvorkommender Mann.“ Bereits 1902 hatte er aus Krankheitsgründen von seinem anstrengendem Amt zurücktreten wollen, ließ sich aber durch die Gesuche und Bitten seiner Mitbürger dazu überreden auch weiterhin dem Markt Kötzting als Oberhaupt vorzustehen. Im März 1903 allerdings legte er dann aber endgültig sein Amt nieder und erklärte auch seinen Austritt aus dem Magistratskollegium. Einstimmig unterzeichneten die Mitglieder des Kollegiums eine Ehrenurkunde in der sie ihrem Altbürgermeister „für seine 10 jährige umsichtige und erfolgreiche Leitung der Amtsgeschäfte in Zeiten des Unglücks“ – erwähnt sind Brände und die Wassernot – dankten und ihre „unbegrenzte Verehrung“ zum Ausdruck brachten. Auch der – bei seinem Rücktritte als Bürgermeister fungierende -  damalige Bezirksamtmann von Körbling  bestätigte ihm 1903 in einem sehr persönlich gehaltenen Schreiben, dass er dieser zerrütteten Gemeindefinanzen in Ordnung gebracht hatte und durch seine Bemühungen den durch mehrere Brände geschädigten Bürgern sehr geholfen hatte und nicht zuletzt sei ihm auch das Zustandekommen der Druckwasserleitung zu verdanken. Körbling schließt mit den sehr persönlichen Worten: „ ich verliere durch Ihren Amtsrücktritt auch ungern einen treuen Mitarbeiter im Distriktsausschusse.“
 Am Montag den 7. Mai fand dann die große Trauerfeier statt, den der Männergesangsverein mit einem Choral beschloss.





Gasthaus auf dem Reitenberg
Aus dem Straubinger Tagblatt wurde in Kötzting ein Bericht übernommen, in dem die Zöglinge des Straubinger Schullehrerseminars ihre Erlebnisse von einer Tagesfahrt nach Kötzting schilderten. Der Kötztinger Pfarrer Elser begleitete die Schüler mit ihren Lehrern auf den Kaitersberg , nach Rast auf dem Kreuzfelsen und Einkehr auf dem Reitenberg, der als  empfehlenswerte Wirtschaft betitelt wurde, trafen alle wohlbehalten wieder in Kötzting ein. In Kötzting speisten sie dann auf dem Deckerkeller und sprachen vor ihrer Rückfahrt nach Straubing über Kötzting: „herrliche Landschaft, kräftige Luft, ausgezeichnete Unterkunft“.
Bemerkenswert an diesem Bericht ist der Hinweis auf mehrere Wolkenbrüche, denen sie an diesem Tage immer gerade noch ausgekommen waren. Der Frühling und Sommer 1906 hatten es nämlich wettertechnisch in sich.

Vier Wochen vor Pfingsten, am 8. Mai erscheinen zum ersten Mal: Gedenkblätter aus Kötztings Vergangenheit und der Pfingstritt von Johann B. Mehler aus Regensburg. Dieses Werk mit 76 Seiten mit 22 Bilder kostete damals nur 40 Pfennige und war in den drei Kötztinger Buchdruckereien: beim Weissenbach(heutzutage der untere Oexler), beim Henneberger und beim Vitus Oexler zu beziehen. Manche Bilder aus diesem Blog stammen aus dieser „Mehlerchronik“




















Pünktlich zum Pfingstritt  öffnete der Himmel seine Schleusen und brachte ein gewaltiges Hochwasser mit sich, auch wenn die Hauptschäden vor allem am Schwarzen Regen und dann weiter flussabwärts zu verzeichnen waren. 68000 Blöcher, die für die Firma Gebhard in Cham bestimmt waren, mussten als Vorhang bei Viechtach angehalten werden. Doch dieser riss und  all diese Blöcher trieben mit voller Gewalt den Regen hinab.[3] Bei der Brücke in Kreuzbach spießten sich die bis zu 20 m langen Verhangbäume und so türmten sich die ankommenden Blöcher meterhoch auf. Viele der mitgerissenen Stämme verteilten sich auf den am Ufer liegenden Wiesen und Feldern und richteten dort Verwüstungen an.
Auch wenn diese Flurschäden den Nahbereich Kötztings nicht betrafen, so zeigen sie doch welche Unwetter in unserem Gebiet niedergingen. Auch in der Berichterstattung über den Pfingstritt ist von der regnerischen Witterung die Rede.

Zu Beginn wird bei den Pfingstvorbereitungen zum allerersten Mal in der Zeitung ausdrücklich ein Pfingstkomitee erwähnt, das sich der Ausgestaltung des Rittes angenommen hatte. Dieser legte die Rittaufstellung auf die obere Torstraße fest und bestimmte, dass der Priester von zwei Berittenen am Pfarrhofe abgeholt würde. Nach dem Einritt alle Teilnehmer müssten Alle Teilnehmer beisammenbleiben, bis zur Pfarrkirche, wo die Auflösung des Rittes erfolgen sollte.  Ein Teilnehmer war für die Ehrung für 25 Rittteilnahmen vorgesehen.

Eine Unsitte beim Fackelzug wird ausdrücklich erwähnt. „Bekanntlich werden bei dieser Gelegenheit – dem Zapfenstreich, - von Kindern bengalische Zündhölzer abgebrannt und meistens unter Personen geworfen. Um nun diesem Unfuge entgegenzutreten wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Eltern solcher Kinder unnachsichtig zur Anzeige gebracht werden. Das Abbrennen dieser Hölzer ist nur Erwachsenen gestattet.“

Am Pfingstsonntage abends verkündeten Böllerschüsse, Musik und Trommelwirbel die Nähe der Festivität. Am Pfingstmontage morgen musikalischer Weckruf und gegen 7 Uhr Versammlung der Teilnehmer (7 Uhr, welch eine Wohltat, Anmerkung des Verfassers ;-)))) bei der St. Veitskirche. 200 Teilnehmer, mit farbigen Bändern reich geschmückt,  ritten dann ab 8 Uhr hinter zwei Geistlichen in Chorrock und Stola zu ihrer alljährlichen Wallfahrt nach Steinbühl.

Gegen ½ 1 Uhr kam die Prozession wieder nach Kötzting wo alle Straßen und Plätze von einer großen Menschenmenge belagert waren. – Die Glocken läuten die Böller knallen, während die Pfingstreiter unter lautem Gebete einziehen- ein seltener erhebender Anblick.
das Pfingstbrautpaar 1906 Wolfgang Zach und Maria Dreger

Nach dem Einritt hielt der „amtierende“ Geistliche, Herr Kooperator Senft eine Ansprache auf dem Bleichanger und überreichte das Tugendkränzchen an den Bürgerssohn Wolfgang Zach, der sich Fräulein Marie Dreger als Pfingstbraut erwählte. Herr Franz Zitzelsberger, ein Müllersohn aus Grub, erhielt die Fahne für 25jährige Teilnahme am Pfingstritt. Kurz erwähnt werden noch der übliche Burschen und Brautzug am späten Nachmittag und abends die, Ehrentanz genannte, Pfingsthochzeit.

Burschenzug 1906

Brautzug 1906

Eine Woche später, Ende Juni,  ist der vor wenigen Jahren neugeschaffene „Spatiliweg“ ein neues Thema, nun da der Wanderweg eingewachsen ist und benutzt werden kann, wird im Regenstein eine neue Ausflugswirtschaft eröffnet.
Waldfrieden

 Neben des plätschernden Regenflusses Wellen schlängelt er sich dahin, teils unter erquickendem Schatten spendenden Bäumen, teils neben Aussicht gewährende Lichten, in deren Mitte Ruhebänke angebracht sind, die dem Fremden Gelegenheit geben unser schön gelegenes Kötzting mit seinen umgebenden Bergen zu betrachten.
Herr Kommerzienrat Kränzlein verpachtete die Wirtschaft an die Kötztinger Brauerei Decker welche die Räumlichkeiten aufs schönste Herrichten ließ. Außer einem geräumigen Gastzimmer wurde auch ein nettes Nebenzimmer eingerichtet; im umliegenden Waldgelände ließ die Brauerei Tische und Bänke aufschlagen, das Ganze wird von den Straubinger Wirtschaftsleuten Rothhammer betrieben. Sogar eine „Badekabine für die Freunde des Wassers“ soll errichtet werden.




Das Großereignis in Kötzting in diesem Jahr ist aber das 50jährige Vereinsjubiläum des Männergesangsvereins.

Postkarte des Kötztinger Großereignisses im Jahre 1906
Natürlich haben wir keine Nachricht von den Gründungsfeierlichkeiten aus dem Jahre 1856, aber schon wenige Jahre später taucht der Männergesangsverein in verschiedenen Zeitungen auf, bei Fahnenweihen und Benefizveranstaltungen:
























Zu diesem Zusammenhang paßt, dass - noch als meine Mutter das Kötztinger Archiv verwaltete - beim Ausräumen eines der Gebäude in der Bundewehrkaserne, das dort deponierte Material des inzwischen eingeschlafenen Kötztinger Männergesangsvereins wieder aufgefunden und dann ins Archiv des Arbeitskreises Heimatforschung eingelagert wurde. Dieses Material besteht im Wesentlichen aus vielen, vielen Gesangsnoten in allen Stimmlagen, einer tollen Chronik nach der Wiedergründung nach dem 2. Weltkrieg und vor allem aus einer großen - allerdings reparaturbedürftigen - Fahne.
Bevor hier nun der Bericht zum Großveranstaltung des Jahres 1906 kommt, zuerst einmal ein paar Bilder des wieder aufgefundenen Materials desselben Vereins.
Teil des zerschlissenen Fahnenblattes


Eins der vielen, vielen Ehrenbänder von der Fahnenstange.

Das gestickte Kötztinger Wappen von der anderen Seite des Fahnenblattes.

ein Detail der Fahnenstickerei, natürlich "deutsche Eiche"
auf einem Bild aus der Festschrift der 100 Jahrfeier des MGOVs im Jahre 1956 sieht man im Hintergrund sehr schön die Fahne, die sich jetzt im Besitz des Stadtarchives in bad Kötzting befindet ( der Zustand ist bedauernswert schlecht...)



erstes Blatt der Chronik mit den Gründungsmitgliedern, interessant, auch der amerikanische Kommandant Willis  und der Pfarrer Dietl., der Landrat, der Bürgermeister Kroher, der spätere Bundestagsabgeordnete Dr. Stefan Dittrich, der Sattler Traurig Michael, der Lehrer Georg Krämer, Prof. Priborsky usw.




Doch weiter mit der Großveranstaltung im Jahre 1906:
MGOV 1906 die Führungskräfte von 1906 aus der Festschrift von 1956

 
Um diese Veranstaltung finanziell abzusichern, legt der Verein bereits im April einen Garantiefond auf, welcher aber nur in Anspruch genommen werden soll, „wenn die Witterung oder sonstige unvorhergesehene Fälle die anderweitigen Einnahmen des Vereins beeinträchtigen würden.“
Die Spannung steigt, es werden ja viele auswärtige Chöre erwartet und, das Wetter hatte ja in diesem Jahr viele Veranstaltungen beeinträchtigt, baute Herr Lindner auf der Lindner Insel eine sehr geräumige Festhalle, sodass für jede Witterung gesorgt ist.





Der Tag rückt immer näher und der KA schreibt: schon steht die Festhalle auf der Lindnerinsel im Bau vollendet da und man hat bereits mit der inneren Dekoration derselben begonnen; in den Straßen erheben sich die Flaggenmaste; die Bewohner sind voll beschäftigt mit dem Binden von Kränzen und Guirlanden; die Quartiere für die auswärtigen Gäste sind schon besorgt und nicht zuletzt sind die Mitglieder des Gesangsvereins seit langem mit der Einstudierung der Chöre besonders des Billschen Festchores beschäftigt…möge der Himmel gnädig sein und die goldene Sonne herniederstrahlen…..

Am 29. Juli 1906 ist es dann soweit. Der Kötztinger Anzeiger öffnete mit auf der Titelseite mit einem ganzseitigem Gedicht als Willkommensgruß für all die Teilnehmer aus Nah und Fern.
 
Herr Kapfer, einer der Sänger"knaben"
Barthelmes, ein anderer
Sänger und immer für
einen Vortrag gut
Bereits am Bahnhof war für die Festgäste ein großer Triumphbogen errichtet worden, interessant ist hier, dass von weiß-grünen Sängerbanden die Rede ist, die den Bogen schmückten und von weiß-roten Marktfarben. Entweder hat hier der Autor geirrt oder die Marktfarben waren früher eben andere als heute. Für die Ausschmückung des Ortes und die Festhalle war Herr Lindner zuständig und den Festzug hatte Herr Bezirkstechniker Heilmeier meisterlich arrangiert. Dieser Bezirkstechniker, so wissen wir heute, war der Sohn  des Rosenheimer Regierungsrates Mathias Heilmeier, dem die Kötztinger eine Reiche von gezeichneten bzw. gemalten Ortsansichten verdanken.  Besondere Schwerpunkte für den Ortsschmuck waren am Drunkenpolzhaus (heute Marktstraße 9) und auf dem Marktplatz bei der Mariensäule. Leuchtete es am Bahnhof vor allem Weiß-grün, so dominierten im Marktinneren vor allem die Farben weiß und blau, vereinzelt konnte man sogar die deutschen Farben sehen. Am Marktplatz, dem Ort der Feldmesse, herrschten die Kirchenfarben weiß und gelb vor. Überall schmückten Guirlanden und Kränze die Häuser.
Der Kötztinger Jubelverein begrüßte Brudervereine aus Amberg, Bogen, Cham, Furth, Geiselhöring, Mainburg, Steinweg, Straubing, Viechtach und Zwiesel und selbstverständlich die Vertreter der anderen Kötztinger Vereine.
Vom Begrüßungsabend bis zum Waldfest auf dem Ludwigsberg herrschte frohes Sangestreiben und Sängerlust, ein alter Freund aus dem Rheinlande, früher Kooperator in Kötzting, Herr Pfarrer Fendel, sandte einen besonders kräftigen Gruß – eine Kiste Rotwein, Von vielen auswärtigen Kötztingern waren Glückwunschtelegramme eingetroffen
Besonders genau wird der Festabend auf dem Ludwigsberg geschildert, in lockerer Folge wechselten Gesänge der verschiedenen Chöre mit Musikstücken sowohl der Kötztinger als auch der mitgereisten Straubinger Musikkapelle ab. Die Jugend konnte sich an „launischen Spielen, Armbrustschiessen und Kasperltheater“ erfreuen. Die Leitung des Festabends lag in den bewährten Händen des Lehrers Drunkenpolz und des Offizianten Barthelmes. Und so flammten Abends da und dort Bergfeuer auf, bei dem wolkenlosen Himmel  und der herrschenden Windstille ein schönes Naturschauspiel. Der Ludwigsberg wurde mit Magnesiumfackeln festlich beleuchtet ; der ganze Platz war mit farbigen Lampions übersät.
Es war ein Fest, auf das der Männergesangsverein Kötzting und die gesamte Einwohnerschaft Kötztings sich stets mit Freude und gerechtem Stolze wird zurückerinnern können. Durchweht aber war das ganze Fest von dem Gedanken des Willkommensgrußes
Text von Bezirksarzt Dr. Rauh und komponiert von Oberamtsrichter Bill:

Willkommensgruß:
Seid willkommen Sangesbrüder
In den Bergen waldumrauscht
Gruß um Gruß und frohe Lieder
Kötzting mit den Gästen tauscht

Unsers Weißen Regen Wellen
Murmeln leise im Akkord
Und in Tönen ernst und hellen
Klingt´s im Tale grüßend fort.
Deutsches Lied und deutsche Treue
Wohl gepflegt von jung und Alt
Welken nie: sie blüh´n aufs Neue
In dem grünen Bayerwald

Josef Drunkenpolz
Hubrich
In den folgenden Tagen wurden dann noch weitere Details veröffentlicht. Mit dem Vortag des obigen Liedes eröffneten die Kötztinger die Festtage. Durch die Veranstaltung führte der langjährige Vorstand des Vereins der königliche Forstmeister Hubrich, der auch gleich die beiden Jubelmitglieder, die dem Verein bereits seit der Gründung angehörten, mit Geschenken und Urkunden ehrte.






Viele weitere Mitglieder wurden für langjährige Mitgliedschaften geehrt, darunter auch bekannte Namen wie der Forstmeister Hubrich, der Uhrmacher Kothbauer und der Schmied Josef Drunkenpolz.
der Uhrmacher Kothbauer, ebenfalls ein langjähriges Mitglied im Männergesangsverein

 
Die große Festrede der Jubelveranstaltung war jedoch dem Vorstand der Straubinger Sängerfreunde vorbehalten, dem kgl. Zollverwalter Schmitt aus Straubing. Dessen Rede wurde zwei Wochen nach der Veranstaltung im Wortlaut auf der ersten Seite abgedruckt und in dieser schlägt der Redner einen Bogen von der Geschichte auf die aus dieser Zeit auf uns überkommenen Lieder. Allerdings reduzierte er die deutsche Geschichte auf den Zeitraum von den Freiheitskriegen bis zur deutschen Reichsgründung und unterstellte den Liedern eine Kraft, die den Gedanken an eine einige deutsche Nation befördern konnte. Er zitiert die alten Inschriften, die am Kötztinger Rathaus angebracht waren und schließt mit dem Aufruf an alle angereisten Sangesbrüder, die Kötztinger Jubilare hochleben zu lassen.

Hier nun noch die Zusammenfassung der Feier, wie sie in der eigenen Festschrift 50 Jahre später zusammengefaßt wurde:




Am selben Tag, also Anfang August erhält Miltach endlich den ersehnten Telefonanschluß, die Bauarbeiten sollen beginnen, sobald Bauarbeiter zur Verfügung stehen, und dann wird eine Verbindung zur öffentlichen Telefonstelle in Chamerau erstellt.


In der Ausgabe vom 19. August ist die Hauptmeldung des Tages der Tod des Bischofs Ignatius v. Senestrey in Regensburg. Ich denke, dass viele in Kötzting die enge, aber eher unselige, Verbindung dieses Mannes mit der Geschichte und dem Geschick unseres Marktes insbesondere unseres Pfingstrittes kennen. Eine Schicksalsfügung wollte es so, dass in diesem Jahr nicht nur er sondern, wenige Wochen vorher, auch sein unerbittlicher Kötztinger Gegenspieler, der vormalige Bürgermeister Christoph Kollmeier verstorben war. Angeblich stammt das in der damaligen Zeit geflügelte Wort: Kötzting, du bist „die Perle des bayerischen Waldes“ aus dem Munde des Bischofs, als er, beleidigt und daher nicht mehr bereit gewesen war unseren Markt zu betreten, von Weissenregen herab auf Kötzting geblickt hatte.










Am 26. August wird, nachweislich des Zeitungsartikels, zum ersten Male auf dem Arbergipfel eine heilige Messe gefeiert.  60-70 Vereine und 6 Musikkapellen werden dort teilnehmen um die vom Abt Pater Willibald Adam aus Metten zelebrierte Messe mitzuerleben. Der Anmarsch der Vereine aus den unterschiedlichsten Richtungen wird generalstabsmässig geplant, um die von Lam, Lohberg und der Sommerau, von Eisenstein, von Ludwigsthal und Eisenhütte und schließlich von Bodenmais, Arnbruck und Böbrach heranmarschierenden Einzelgruppen zu einem gemeinsamen Festzug zu formen.Soweit die Theorie, aber es kam anders. Wieder einmal wie so oft in diesem Jahr spielte das Wetter nicht mit. Von den am Ende 80 angemeldeten vereinen kamen nur 22 und auch diese wurden zumeist nur durch Deputationen vertreten. Statt der erwarteten 4000 Teilnehmer waren es dann auch nur ein paar Hundert und selbst diese flüchteten so schnell es die Veranstaltung erlaubte, sofort wieder gastlicheren Hallen zu..


Es wird September, und Kötzting ist das Zentrum eines groß angelegten Militärmanövers. Genauer gesagt sind es zwei Regimenter der 10. Infanteriebrigade aus bayreuth, die ihr Manöver bei Reitenstein und Arndorf abhalten und in Kötzting und in Grafenwiesen  im Quartier liegen. Bei schönstem Herbstwetter genießen die Kötztinger das Schauspiel und bewundern die soldatischen Tugenden, die im Manöver so herrlich zu Tage treten. Schon am frühen Morgen ziehen die Soldaten mit klingendem Spiel hinaus auf das Übungsgelände.“In schwärmerischem Tonfall werden die Leistungen der Soldaten beim täglichen Anmarsch vom Quartier in die Übungsräume geschildert und davon gesprochen, dass zwischen den Soldaten und der Bevölkerung ein „Band der größten Achtung gesponnen worden ist, das wahrlich nicht mehr gelöst werden dürfte“.



Für die Kötztinger Häuserchronik ist die Quartierliste für dieses Manöver von herausragender Bedeutung, weil nicht nur die Kötztinger Hausbesitzer aufgeführt sind sondern auch die unterschiedlichsten Mieter in den Häusern aufgelistet sind, welche bei Gelegenheit des Manövers Offiziere bzw. manschaften in ihrer Wohnung aufgenommen hatten.  Die in den Listen aufgeführten hausnummern entsprechen den regeln wie in Kötzting aseit dem Mittelalter die Bürgerlisten geführt worden waren. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurden die heute gebräuchlichen Hausnummern eingeführt. Die Straßenbezeichnungen gab es natürlich schon viel früher. Eine Entschlüsselung der Hausnummern kann man leicht im Plan der Uraufnahme Kötztings, veröffentlicht im Buch Kötzting 1085-1985 nachsehen oder hier online nachsehen.
Gastwirt Amberger ist der "Spitzi" und auch der "Leboid" ist heutzutage noch im selben Gasthaus. Beim Kollmeier auf der Nummer 71 ist das alte KollmeierWirtshaus am Regen gemeint, nicht die Gastwirtschaft beim Bahnhof.




die folgende Seite zeigt die Quartiergeber im oberen Markt.
































Die folgende Liste zeigt die Besitzer und die Mieter in den Anwesen vom Drunkenpolz über Sperl Georg - heutzutage die Sonnenapotheke - bis hinauf zur jetzigen Volksbank, inklusive der beiden jüdischen Familien Kirschner und Hahn in der Marktstraße, bei Kirschner Moritz wohnte der Offiziant Gernet in Miete, welcher ebenfalls einen finaziellen Ausgleich für die EInquartierungslasten erhalten hatte..





















 
Wer erinnert sich nicht an die vieldiskutierte Fernsehsendung in diesem (2015) Spätsommer, als ein Herr eine gewagte Wetterprognose aufstellte, die er aus dem Blütenstand einer /Seiner Königskerze herauslas und uns einen frühen und langanhaltenden Wintereinbruch voraussagte. Nachdem der November 2015 zumindest der wärmstes seit Beginn der Wetteraufzeichnung war, zeigt ein Blick in die Zeitung von 1906, dass auch schon vor 100 Jahren, allerdings mit einem Augenzwinkern und nicht so bierernst, wie heutzutage bei uns, die Naturphänomene beobachtet wurden: 1906 jedenfalls halten zu Anfang September die Schwalben schon seit langem Flugübung…..blüht bereits die Herbstzeitlose …. Machen die Ameisen bereits ganz große Haufen und es  blüht das Heidkraut bereits sehr kräftig. Aber anders als heutzutage, wo alle Zuschauer sich schon auf einen Jahrhundert Winter zu Ende Oktober einstellten endet der Redakteur 1906 mit: möglich ists heuer schon – aber wir wollen es doch erst abwarten.



Eine Besonderheit wird aus Neukirchen berichtet, das erst eingeweihte und noch gar nicht bezogene Schulhaus muss sofort wieder geräumt werden, es besteht eine akute Einsturzgefahr:




Im Magistrat Kötztings gibt es Vollalarm, es geht das gerücht um im Markt, dass die Oberpostdirektion das Postamt aus der Herrenstraße herausverlegen will in die Bahnhofstraße und diese verlegung um geschätzte 200m Luftlinie bringt die Kötztinger Bürgerseele zum Kochen und den magistrat auf Trab. Von unhaltbaren Zständen spricht dieser, wenn den oberen Marktbewohnern dieser neue Umweg zugemutet werden solle, der Weg herunter in den unteren markt wäre jetzt schon eine Zumutung für die Geschäftsleute des oberen marktes, die für ihre vielen Geldgeschäfte ihre, vor allem weiblichen, Dienstboten schicken würden und dies bei der schlechten Petroleumlampenbeleuchtung. Kein Grund ist dem Magistrat zu gering um nicht seitenweise ausgebreitet zu werden. Der längere Weg würde zum Beispiel bei schlechtem Wetter Pakete in einem Maaße durchfeuchten, dass der Postbeamte die Annahme verweigern könnte. Zudem nehme der telephonische Verkehr immer mehr zu und ebenso häufig würden nun Personen zu einem Ferngespräch ins Postamt gerufen, was sich bei dem weiteren Weg dann ebenfalls schwieriger gestalten würde. Auch die Schulkidner der umgebenden Dörfer, die für die Eltern häufig zum Postamte gingen, müßten bei einem Umweg von 1 km (! sehr gut aufgerundet) vor allem in Winterszeit Gefahr laufen in der Dunkelheit nach Hause gehen zu müssen, da die Schule ja erst um 1/2 3 Uhr nachmittags schlösse.......




Ende Oktober wird darauf hingewiesen, dass zum Jahreswechsel das Verbot der Nutzung von Schwefelzündhölzchen eintritt. Wirte – wegen der Rauchwaren – und Händler sind aufgefordert mit dieser Ware aufzuräumen.


Aus der Kötztinger Umgebung wird am 30.Oktober von der Gründung eines Burschenvereins berichtet. In der Pfarrgemeinde Rimbach finden sich gleich 25 Neumitglieder, die dem neuen Verein betreten, der sich den Zielen: Glaube und Sitte, Berufstüchtigkeit und Heimatliebe, Frohsinn und Scherz unter der männlichen Jugend widmen will. Eine Vereinsfahne wurde durch das Bestreben des Vorstandes bereits angeschafft und dieser Fahne der Paramentenstickerei Altschäffl aus München sollen die jugendlichen Mitglieder nach Wunsch der Pfarrgemeinde stets Ehre bereiten.



Der Jahresreigen in Kötzting schließt sich wieder mit einer vielbeachteten Theateraufführung des der Kinder des Josefsheims. Schneewittchens Tod heißt das Stück, das durch seine großartige Anlage, Schönheit der Sprache und lebhafte abwechslungsreiche Handlung sich als hochdramatisches Werk erweist. Alle angefangen vom Schneewittchen bis hinunter zum kleinsten Kobold haben ihr möglichstes geleistet, um dieses herrliche erstklassige Stück in würdiger Weise wiederzugeben. Mit Aufmerksamkeit und Interesse verfolgte das Publikum der herrlichen Darstellung.


Weihnachts und Neujahrsschiesen und Lehrer Foerstl

Umzüge in Kötzting, 

so feierten Vereine schon früher aber auch bei Hochzeiten gings auf die Straße:

Wenn die Freiwillige Feuerwehr Arndorf in Kötzting einen Ball feierte, dann begann dieser mit einem Umzug  >>>> Antrag der FFW Arndorf: Es erscheint heute der Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr Arndorf, Herr Johann Lindner aus Sperhammer und bringt vor: die Freiwillige Feuerwehr Sperlhammer beabsichtigt am Montag den 10. September l.J. einen Vereinsball mit einem öffentlichen Aufzug beginnend an der Ortschaft Beckendorf bis hin zum Gasthaus Josef Decker in Kötzting zu veranstalten. Die Zeit des Aufzuges ist Mittags 12 Uhr festgesetzt. ..... Der Vorstand bitte um die Genehmigung der Orts- und der Distriktspolizeibehörde.











 Auch bei Hochzeiten war solch ein Umzug möglich, wie ein anderer Antrag, ebenfalls aus dem Jahre 1906, zeigt:


Der Kötztinger Häusler Karl Baumann stellt einen Antrag:
Ich feiere am Mittwoch den 14. November mit der Dienstmagd Maria Beer meine Hochzeit . Bei dieser Gelegenheit findet vormittags ein Kirchenzug mit Musik statt. Ich stelle an das Bezirksamt die Bitte, mit Genehmigung für die Veranstaltung eines öffentlichen Aufzugs zu erteilen.


Am Ende nun noch eine Auflistung der landwirtschaftlichen Vereine, die es im jahre 1906 damals in Kötzting gegeben hatte:
Es waren dies:
eine Zuchtstiergenossenschaft
eine Eberzuchtgenossenschaft
der Bienenzuchtverein
der Darlehenskassenverein
ein Pferdeversicherungsverein
der landwirtschaftliche Lokalverein
und der Bezirksfischereiverein.
Ausdrücklich wird erwähnt, dass es in Kötzting keinen Geflügelzuchtverein gab, dieser war in Eschlkam zuhause und der Vorstand war Georg Breu aus Großaign.

Mal schauen, ob das Kötztinger Archiv noch was zum jahre 1906 beinhaltet...



[1] Bayerische Staatsbibliothek München Eph.  Pol. 3cel 4 Kötztinger Anzeiger von 1906
[2] [2] Bei diesem Petroleumfund handelte es sich leider um Überreste des Pechelns von Bierfässern, das an dieser Stelle wohl über Generationen durchgeführt worden war und nun sich im Untergrund angereichert hatte.


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